Das Vogtland – ein kulturhistorisches Idyll im Herzen Europas

Unser heutiger Blogpost fällt ein wenig aus der Reihe, es geht um Europa, aber auch ums Vogtland. Hintergrund ist eine von Burg Posterstein initiierte Diskussionsrunde zum Thema Europa.

Vom 23.09. bis 11.11.2019 wird unter dem Hashtag #SalonEuropa diskutiert, es werden Interviews geführt und es gibt eine Blogparade, an der auch wir mit diesem Beitrag teilnehmen.

Ausgangspunkt ist jeweils die Frage: „Was bedeutet Europa für Dich?“

Europa wird dabei von ganz unterschiedlichen Seiten beleuchtet.

Wir möchten in unserem Beitrag also einen Blick aus dem Vogtland auf Europa werfen. Dabei interessieren uns historische und aktuelle Einflüsse.

Blogparade #SalonEuropa

Was ist Europa?

Europa definiert  jeder unterschiedlich. Und aufgrund der Vielfalt an möglichen Aspekten, bietet sich eine Annäherung an Europa aus verschiedenen Blickwinkeln an. Für uns bedeutet Europa.:

Politisch definiert

– die Abwesenheit von Krieg, Elend und Grenzen, also FREIHEIT

– Europa  steht für einen angeglichenen (bzw. rechtlich gesehen koordinierten)  Rechtsrahmen, der dem Aufbau und der Sicherung von Wohlstand und Fortschritt dient und dabei auch ein Mindestmaß an sozialer Sicherung (im Vergleich zum Rest der Welt) garantiert

Wirtschaftlich definiert

– mehr Chancen als Risiken

Kulturell definiert

– die Möglichkeit, eine unglaubliche kulturelle Vielfalt zu erleben, die sich über viele Jahrhunderte durch wechselseitigen Austausch beflügelt und ausgeprägt hat und damit als vertrauter Kulturraum über Ländergrenzen hinweg erlebbar ist

– dieser Zugang innerhalb Europas ist bis heute ein wichtiger Quell für die Entwicklung neuer Ideen und Werte, ist Basis für Kreativität

Persönlich definiert

– durch die Öffnung und Begehbarkeit des Kontinents lässt sich der Horizont erweitern und das eigene Stückchen Heimat neu erfahren und damit  schätzen, ja vielleicht auch neu entdecken

– Europa ist eine Chance, Geschichte zu verstehen,  Einflüsse und Bewegungen in verschiedenen Epochen einzuordnen, um damit auch die eigene Zukunft und Identität gestalten zu können

Versuch einer These

Europa definiert sich vielleicht nicht nur durch die passive Existenz seiner Regionen, vielmehr bietet ein freies Europa gerade die große Chance, auch die eigene Heimat neu zu entdecken, zu verstehen und so wiederum aktiv mit zu gestalten!

Und wie passt nun das Vogtland in diese Gemengenlage?

Geschichtliche Aspekte oder wie das Vogtland zu seinem Namen kam

Das wir heute in einem weitgehend befriedeten Raum leben ist leider viel zu sehr zur Selbstverständlichkeit geworden. Kämpfe um Territorien und um verschiedene Herrschaften bestimmten weitestgehend vorangegangene Zeiten der Zivilisation.

Letztlich geht auch das Vogtland auf territoriale Kämpfe zurück. Wir befinden uns im 11. Jahrhundert. Weite Gebiete dessen, was wir heute als Vogtland kennen, ist von den Slawen, genauer den Sorben, dünn besiedelt. Deutsche Siedler kommen in das Gebiet, betreiben hier Feldwirtschaft und drängen letztlich die Sorben nach Osten und Süden aus dem Gebiet.

Um das neue Gebiet zu verwalten und zu schützen, setzten die Deutschen Kaiser, wie Friedrich I. Barbarossa die Ministerialen ein (Vogt = Advocatus = Verwalter = Ministerialverwaltung). Es handelte sich hierbei um eine Art Territorialverwaltung ohne zunächst eigenen Adelsrang.

Die Wiege des Vogtlands – die Osterburg in Weida

Eingesetzt wurden in der Region die Herren von Weida, die später in den Adelsstand erhoben wurden. Hieraus gingen die drei Linien der Vögte von Weida, Gera und Plauen hervor. Ihr weites Einflussgebiet befand sich zwischen der Saale, der Pleiße und der Regnitz und zog sich im Süden bis ins Böhmische. Von ihrem Stammsitz, der Osterburg in Weida, holten die Vögte zahlreiche Ritter als Subministerialen ins Land, die es schützen und verwalten sollten. Aus dieser Zeit sind im Gebiet der Verwaltung über 200 Burganlagen überliefert.

Zäsuren im Vogtland, dem Reich der Vögte – Beispiel für Teilungen in Europa

Mitte des 14. Jahrhunderts begann das Land der Vögte in seiner ursprünglichen Form zu verfallen. Den expansiven Bestrebungen der Wettiner aus Meißen von Ostern und der Könige von Böhmen aus Prag von Südwesten konnten sie nicht immer standhalten. Auch im Bayerischen Raum verloren sie im Süden an Einfluss.

Man ging daher unterschiedliche strategische Bündnisse ein. In dieser Zeit schlossen sich die Vögte von Gera und Weida zeitweise den Wettinern an und die Plauener Vögte begaben sich unter böhmische Lehnsherrschaft. Nur auf sich allein gestellt konnte man das Land nicht schützen und den Besitz nicht immer erhalten. Aber schon wenige Jahre später dehnten die Vögte von Plauen ihren Einfluss wieder auf weite Gebiete des Egerlandes aus. Bechov (Petschau), Königswart und Engelsburg – südlich des heutigen Karlsbad/ Karlovy Vary gelegen – gehörten bis ins 16. Jahrhundert zu ihrem Einflussgebiet.

Aus der Linie der Vögte gingen im Zuge ihrer Adelswerdung zwei Fürstentümer hervor, Reuß die ältere Linie mit Sitz in Greiz und Reuß die jüngere Linie mit Sitz in Gera, welche beide  bis 1918 bestanden.

Das Obere Schloss in Greiz

Willkürliche Teilungen oder Zusammenschlüsse waren über die Zeiten hinweg an der Tagesordnung. Es gab also nie den einen Raum des Vogtlandes.

Die Region des Vogtlandes im Vierländereck

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Gebiet ein nie auf Jahrhunderte, noch nicht einmal auf Jahrzehnte festgezurrtes Territorium war. Streitereien und Kriege oder Verluste und Hinzugewinne durch Erbe veränderten immer wieder das Territorium des Vogtlands.

Es ist ein loser Raum, ein kulturhistorischer Zusammenschluss, der politische Ursprünge hat – im Gegensatz zu Gebieten, die territorialen Ursprunges sind, sich also beispielsweise an Gebirgsformationen oder Landschaftsformen orientieren. Dies macht auch eine Abgrenzung anhand von Landesgrenzen unmöglich. Zum Vogtland gehören Teile von Sachsen, Thüringen, Bayern und Tschechien. Neben einem unstrittigen Kerngebiet lässt sich an manchen Stellen schwer sagen, ob es sich (heute oder historisch) noch um das Vogtland handelt oder auch nicht.

Wir beziehen uns beim Gebiet des Vogtlands in unserer Definition auf die Vögte, also einen Raum, der nachweislich unter der Herrschaft der Vögte gestanden hat. Es braucht aber auch gar keine straffen Grenzen. Denn manchmal tragen Grenzen doch eher zur Verwirrung bei.

Dies ist beispielsweise beim Vogtlandkreis der Fall, der erst 1990 geboren wurde. Ein willkürlich gewähltes Stück des Vogtlandes wird zu einem Landkreis und grenzt damit andere Teile des historischen Vogtlands aus. Plauener bezeichnen ihre Stadt gern als die größte Stadt im Vogtland. Das ist sie aber eigentlich nicht, denn Gera ist die größte Stadt. Womit die Plauener aber recht haben – es ist die größte Stadt im Vogtlandkreis.

Und warum wurde ausgerechnet das Gebiet um Plauen zum Vogtlandkreis und nicht das Gebiet um Greiz mit dem ehemaligen Stammsitz? Bis 1990 war der Name nie offizieller Titel eines Kreises, Bezirkes oder gar Landes. Lediglich die Region wird von seinen Bewohnern seit weit über hundert Jahren stets so mit benannt, wie es sonst nur bei topografische Lagen der Fall ist,  z.B. im Fichtelgebirge, im Erzgebirge, im Thüringer Wald. „Vogtland“ diente stets als Zusatz der Namen von Städten und Gemeinden, z.B. Plauen im Vogtland, Greiz im Vogtland, Auerbach im Vogtland, etc. Insofern wird der Zusatz wie eine Topografie benutzt, obwohl es an einer einheitlichen Landschaftsformation fehlt.

Ist das Vogtland auf Grund seiner Historie besonders europäisch?

Nein, das ist es ganz sicherlich nicht, aber es verdeutlicht beispielhaft, dass ….

  • Grenzen meist durch Herrschaftsansprüche oder willkürliche Grenzziehungen entstanden, zerfallen und wieder neu gezogen worden sind
  • es immer kulturstiftende Einflüsse gab, die über neue Grenzziehungen hinweg fortdauerten, z.B. Handwerk, Industrie, Architektur, Bausubstanz, Sprache
  • die Geigenbauer aus dem südlich gelegenen Kraslice, die auf Grund ihres Glaubens vertrieben wurden und in Markneukirchen eine neue Heimat gefunden haben, sind z.B. die Begründer des heute noch aktiven Musikinstrumentenbaus im Vogtland
Das Geigenbauerdenkmal in Markneukirchen
  • es wieder in den Grenzregionen zunehmend weniger sprachliche Barrieren bei jüngeren Generationen bestehen (Bsp. Tschechien)
  • bereits heute in den Regionen des Vogtlands ein reger Austausch bei Arbeitskräften besteht, welche vielleicht auch wieder mit zu einer Annäherung beigetragen hat und sich in der Folge auch die Lebensstandards zumindest langsam weiter annähern (z.B. zwischen tschechischem und sächsischem  Vogtland)

Am wichtigsten ist aber vielleicht, dass das Vogtland als Heimatbegriff weiterhin fortbestand hat und sich die Bewohner mit diesem Gebiet identifizieren.

Der Name Vogtland wirkt aber nicht bloß identitätsstiftend, es lässt sich damit auch als Kultur-Region fassen.

Liebe deine Region!

Auf Basis der vielen kleinen und größeren Kulturschätze könnte das Vogtland auch touristisch stärker vermarktet werden, schon allein deshalb, weil es sehenswert und bislang noch wenig bekannt ist, was wiederum auch an seiner Ausdehnung über Länder und Bundesländer sowie der Überschneidung mit anderen Teilregionen liegen mag.

Ein erster Versuch wird mit dem Kulturweg der Vögte unternommen, der 2019 an den Start gehen wird. Hier besteht bei einem gemeinsamen deutsch-tschechischen Tourismusprojekt die Chance, eine gesamte Region einzubinden und die Augen für die Schönheit und Vielfalt auf Basis der gemeinsamen Vergangenheit zu öffnen.

Ein solcher Austausch stärkt das Selbstverständnis und schlägt Brücken, auch über Grenzen hinweg. Und was vielleicht noch wichtiger ist an regionalen Projekten – sie geben dem Einzelnen die Möglichkeit, direkt vor Ort an der Gestaltung mitzuwirken und den direkten Einfluss des eigenen Handelns zu erkennen, mithin auch sinnstiftend zu wirken.

Ein Projekt, das über die Grenzen hinausgeht, schafft letztlich Erfahrungsräume. Es lassen sich also Verschiedenheit erfahren, aber auch Gemeinsamkeiten entdecken. Und das trägt letztlich zu einem gemeinsamen Miteinander und gestalteter Zukunft bei.

Individualität und Regionalität – nicht zu verwechseln mit Egoismus und überzogenem Nationalstolz – werden über die europäische Zukunft bestimmen. Und sie gründen letztlich auf dem Erbe der Region und wie selbige heute gestaltet und in das große Ganze eingebracht werden kann. Die Formel: „sich für etwas interessieren“ + „sich selbst einbringen können und zu gestalten“ + „den Erfolg dieses Handelns sehen“ wirkt sinnstiftend und schafft Identität. In vielen Fällen kann diese Formel nur regional funktionieren.

Und: auch der kleine Blog Vogtland-Zauber verfolgt schlussendlich das Ziel, regionale Identität zu stiften, Heimat neu zu entdecken und zugleich die Region nach außen bekannter zu machen. Der Blog soll Interesse wecken und zum Entdecken einladen.

Burg Posterstein

Liebe Leser, vielen Dank, dass sie bis zum Schluss durchgehalten haben. Auch wenn es diesmal keinen Ausflugstipp, sondern nur unsere Gedanken zu Europa zu lesen gab. Der Beitrag lag uns am Herzen, über keinen anderen Post haben wir so viel diskutiert.

Wir möchten mit dem Beitrag zum Nachdenken über Europa anregen und zeigen, wie sehr Europa uns historisch beeinflusst. Wir freuen uns, dass wir mit diesem Beitrag ein Teil der Blogparade #SalonEuropa der Burg Posterstein sind. Schauen sie auch unbedingt auf die Projekthomepage und die vielen anderen wunderbaren Artikel.

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